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Flößerei auf Aller und Örtze

Arbeitskreis Die Winser Flößer

Der 1997 gegründete Arbeitskreis „Die Winser Flößer“ wollte eine Jahrhunderte alte Tradition wieder beleben: mit einem nach alten Erfahrungen aus Kiefernstämmen eingebundenem Floß fuhren die Teilnehmer die Aller hinunter. Dieses Ereignis konnte bereits einige Male wiederholt werden. Eine Fahrt von Winsen bis Otersen dauert 5 Tage für 79 km – bei einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von ungefähr 2 bis 4 km in der Stunde, je nach Wasserstand der Aller.
Der Transport von Baumstämmen auf dem Wasserwege war auch auf den Heideflüssen im Landkreis Celle ein wichtiger Handels- und Wirtschaftsfaktor. Über Jahrhunderte hinweg haben unsere Vorfahren diese natürlichen Verkehrsadern genutzt, um den Rohstoff Holz als eines der wichtigen Wirtschaftsgüter der Region über viele Flusskilometer, insbesondere in den Ballungsraum Bremen, zu transportieren. Dort wurde Bauholz für Häuser oder Schiffe weiter verarbeitet. Im 19. Jahrhundert schnellte die Nachfrage nach Holz aufgrund der raschen Entwicklungen im Haus- und Schiffsbau beträchtlich empor. Besonders in Bremen und Bremerhaven blühte der Seebetrieb, die Werften hatten Hochkonjunktur. In den Wäldern der Südheide gab es genügend Holz, welches an die Hansestädte verkauft werden konnte.
Doch wie waren solche Mengen kostengünstig dorthin zu transportieren? Die Lösung war die Beförderung mit Flößen, die bis zur Weser stromab fuhren. Kleine Flöße wurden von dem schmalen Nebenfluss Örtze nach Winsen transportiert, im Jahr 1874 waren es 1946 Flöße. Im Bereich Winsen wurden dann aus 6 Örtzeflößen ein Allerfloß von 60 bis 70 m Länge und 5 bis 6 m Breite neu eingebunden. Während dieser Zeit erhielt dieser Transportweg eine bedeutende wirtschaftliche Stellung für die hiesige Region. In den folgenden Jahrzehnten ging die Flößerei dann aufgrund der Konkurrenz durch die Eisenbahn immer mehr zurück und endete im 20. Jahrhundert schließlich vollständig.
Ca. 60 Arbeitskreismitglieder halten mit ihrer museumspädagogischen Arbeit ein Stück heimatlicher Geschichte lebendig. 250 Jahre (1675-1925) haben unsere Vorfahren die natürlichen Verkehrsadern der Öertze und Aller genutzt, um den Rohstoff Holz über viele Kilometer zu transportieren. Es ist dem Arbeitskreis ein Anliegen, die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Flößer zu erforschen, der Jugend zu vermitteln und so einen Beitrag zur Bewahrung der Tradition und der Erinnerung an den harten und entbehrungsreichen Alltag dieses für unsere Region wichtigen Handwerks zu leisten.

"Das Zusammenbinden der Baumstämme zu einem Floß (Flott) erforderte genaueste fachliche Kenntnisse. Zuerst wurden zwei besonders kräftige Stämme als Seitenstämme des Floßes ins Wasser gerollt und so weit voneinander geschoben, wie das Floß breit sein sollte. In dieser Lage wurden sie durch je einen über die Enden gelegten hölzernen Querriegel, das Joch (Jöck) festgehalten, womit ein Rahmen für das entstehende Floß gebildet war. Die Joche wurden mit Tauen zusammengehalten, die aus Birken- oder Weidenzweigen gedreht und in Löchern, die man zu Seiten der Joche in die Stämme bohre, verpflöckt wurden.
Nun wurden die weiteren für das Floß bestimmten Holzstämme einzelnen von hinten unter dem Joch durch mit der Taststange (Schiebebaum, Schufboom) in den Rahmen des Floßes geschoben, bis sie Seite an Seite mit den zuerst genannten Seitenstämmen lagen, und mit den beiden Jochen in der geschilderten Weise durch Birken- oder Weidentaue verbunden. Geschah dies in sorgfältiger Weise, so erhielt das Floß die zu seiner Fahrt nach Bremen erforderliche Festigkeit.
Auf der nunmehr fertigen unteren Lage wurde das Floß bis zu seiner Tragfähigkeit mit weiteren lose aufgelegten Baumstämmen und mit Brettern und Latten beladen. Schließlich wurde ein einfacher Bretterverschlag als Schutz gegen die Unbilden des Wetters und ein ruderartiges Steuer hinzugefügt. …
Zu jedem Floß gehörten zwei Flößer, einer stand vorn mit der Schiebestange, einer, der für Floß und Fahrt verantwortliche Floßmeister, hinten am Steuer. Die beiden mussten das Flussbett mit seinen vielen scharfen Krümmungen, Buchten und Sandbänken genau kennen, und besonders der Floßmeister musste ein geschickter und gewandter Lenker sein; fuhr das Floß fest, so kostete es viel Mühe, um wieder flott zu werden. Meistens jedoch kam man ohne Unfall in Bremen an. Die Dauer der Fahrt von Winsen bis Bremen richtete sich nach Wind- und Wasserstand, günstigstenfalls brauchte man 2 – 3 Tage, manchmal aber auch 5 – 6 Tage. Beim Eintritt der Dunkelheit wurde das Floß am Ufer festgelegt, worauf die Flößer die ihnen bekannte Herberge zur Nachtruhe aufsuchten.“
(aus: Bomann, Wilhelm: Bäuerliches Hauswesen und Tagewerk im alten Niedersachsen. 5. Aufl. 2014)

Das Wissen um die alte Technik zur Herstellung und zum Einbinden von Flößen, wie das Schneiden, Vorbereiten und Drehen von Wieden (Holzseile) gibt der Arbeitskreis gern an Interessierte weiter und lädt sie zur Mitarbeit ein. Die schwere Arbeit, die beim Bauen eines Floßes geleistet werden musste, wird anschaulich erfahrbar. Lernen Sie die traditionellen Techniken der Holzbearbeitung kennen, binden Sie in Gemeinschaftsarbeit ein Floß mit ein und genießen Sie nach getaner Arbeit das verdiente Flößerbier und das Mahl in geselliger Runde.
Zur Belohnung heißt es dann am 06. März 2018 wieder: „Leinen los!“ an der Otten Bindestelle in Winsen.

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